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Die Bearbeitung des Diamanten

Der Diamant läßt sich nur mit Diamanten bearbeiten:

Schleifen, Reiben und Facettenschliff. Die Bearbeitung wurde auf der Schleifscheibe vorgenommen. Die Schleifscheibe lief horizontal mit tausendfacher Umdrehung, sodaß man die Umdrehung mit dem Auge fast nicht wahrnehmen konnte. Die Scheibe war auf Vierkant Hartholzblöcken gelagert. Die Stahlscheibe wurde in der Schmirgelmaschine (mit Korund Hämait) unter Wasserzulauf sauber abgeschliffen. Dann wurde in der Mühle (Stahlmörser ) der Port (Diamantabfall vom Reiben ) mit drei Tropfen Öl zerstoßen, bis eine feine Paste entstand. Mit dem Mittelfinger wurde diese Paste auf die Schleifscheibe aufgetragen. Nach kurzer Zeit war die Schleifscheibe gebrauchsfertig, und man konnte auf der Scheibe wieder zwei bis drei Tage Facetten schleifen. Den Port mußte man kaufen. Hatte man gutes Steinmaterial und war umsichtig, hat man beim Schleifen keine Kratzer verursacht. Die Scheibe hielt länger. Ging ein Stein beim Schleifen verloren - er sprang weg - , wurde er mit Besen und Sieb gesucht, mit Erfolg oder ohne.

"Diamantschleiferlehrlinq"

war auch ich. Von 1933 bis 1936. Und zwar bei der Firma Wilhelm Ott, oben im Jagdhaus an der Rommelhäuser Straße," erzählt Wilhelm Kraushaar aus seinem Leben. "Morgens um 7 begann die Arbeit. Um 9 mußten wir Lehrlinge bei den Ostheimer Bäckern und Metzgern Brötchen und warme Fleischwurst einkaufen. Da war Frühstück. Und von 12-12.45 war Mittagspause. Dann ging es weiter bis 16 Uhr. Uml6 Uhr wurde der Riemen runtergeworfen. Es war Feierabend. Die meisten Schleifer gingen nach Hause, einige gingen aber in die Ostheimer Gaststuben, um sich bei Apfelwein oder Bier von der Arbeit zu erholen. Das gefiel den Ostheimer Bauern überhaupt nicht. Sie nannten die Diamantschleifer Faulenzer, weil sie so früh Feierabend und auch noch Geld für das Wirtshaus übrig hatten. Und wirklich, die Ostheimer Schleifer hatten ein gutes Einkommen. Das hatte sich auch bei den fliegenden Händlern rumgesprochen. Schokolade war in den Ostheimer Läden ein seltener Artikel, weil sich kaum jemand Süßigkeiten leisten konnte. Zu den Diamantschleifern aber kam wöchentlich ein fliegender Händler mit Fahrrad und Anhänger in die Werkstatt und machte guten Umsatz mit Naschereien. Als Lehrling wurde ich oft mit dem Fahrrad nach Hanau zur Bank oder zum Diamantenhändler Interrater geschickt, um Rohdiamanten abzuholen. Ein verschlossener Umschlag war mein Ausweis. Haupsächlich bearbeiteten wir Acht-Känter-Steine; je nach persönlichem Talent große oder kleine. In meiner dreijährigen Lehrzeit habe ich gut verdient. Und dann war ich noch ein halbes Jahr Geselle. Mein verdientes Geld mußte ich zu Hause abgeben, bekam aber eine bis zwei Mark in der Woche als Taschengeld. Damit konnte man ganz schön einen draufmachen, denn beim Kohle Betche kostete ein Bier 15 Pfennig und ein Nordhäuser 10 Pfennig. Im In- und Ausland lag der Diamantenhandel in Jüdischer Hand. Als die Judenverfolgungen in Deutschland zunahmen, gab es immer weniger Rohdiamanten zu bearbeiten. Und 1938 war das Gewerbe für mich beendet. Ich wurde zur Wehrmacht eingezogen.

 

Diamantschleifer bei der Arbeit im "Jagdhaus"

Bild v.R.n.L.: Wilhelm Kraushaar, Wilhelm Östreich, 4.v.R. Wilhelm Schmidt

 

Die Epoche der Diamantschleiferei in Ostheim 1926 - 1939

Im Jahre 1926/27 waren er zwei Ostheimer Bürger, die den Anfang machten:

Karl Mehrling, Hanauer Straße - Schützengasse und Fritz Mehrling in der Bahnhofstraße. Sie gaben ihre abhängige Stelle in Hanau auf und machten sich selbstständig. 1929 machte dann der in Hanau wohnende Wilhelm Ott mit seinem Bruder Hans Ott im Jagdhaus eine weitere Diamantschleiferei auf. Einige Ostheimer gingen dann von Hanau nach Ostheim, um hier weiter zu arbeiten. Die Zahl der Beschäftigten nahm zu, auch weitere Diamantschleifereien und Reibereien wurden in Ostheim eröffnet. So gab es 1933 sechs Betriebe mit etwa 100 Beschäftigten. Die Angestellten kamen aus Eichen, Erbstadt, Windecken, Ostheim und Hanau. Die Beschäftigten waren für Ostheim bedeutend, weil sie überdurchschnittlich verdienten. Nach 1938 kam ein Rückgang, weil die Judenverfolgung in Deutschland einsetzte. Es kam zu ersten Arbeitslosen in diesem Gewerbe. Bei den Reibereien gab es nur Einzelunternehmer mit bis zu drei Beschäftigten. Nach 1939, mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges, ging die Zahl der Beschäftigten durch Boykott und Einberufungen zurück. Nach 1945 gab es nur noch einzelne Personen, die in Heim und Lohnarbeit kleine Diamantschleifereien betrieben, die jedoch nach 1960 aufgelöst wurden.

Diamantschleifereien 1933:

Wilhelm und Hans Ott Jagdhaus 33 Beschäftigte Fritz Mehrling Bahnhofstraße 21 Beschäftigte Karl Mehrling Bahnhofstraße 12 Beschäftigte Heinrich Roß Bahnhofstraße 9 Beschäftigte Wilhelm Mehrling Bahnhofstraße 5 Beschäftigte Heinrich Mehrling Bahnhofsrtaße 9 Beschäftigte ... nach 1945: Wilhelm und Hans Ott Jagdhaus 15 Beschäftigte Fritz Mehrling Bahnhofstraße 8 20 Beschäftigte Josef Jäger Am Bergwerk 1 7 Beschäftigte Heinrich Heldmann Am Bergwerk 5 3 Beschäftigte Karl Baumann Hofgarten 15/17 5 Beschäftigte Köhler - Less Neugasse 24 3 Beschäftigte Heinrich Östreich Kirchgasse 23 5 Beschäftigte Heinrich Mehrling Bahnhofstraße 12 5 Beschäftigte Heinrich Roß Bahnhofstraße 8 3 Beschäftigte Wilhelm Hartenfeller Karlstraße 9 6 Beschäftigte Otto Mehrling Gartenstraße 6 3 Beschäftigte Georg Breidenstein * Hainstraße 28 5 Beschäftigte * Diamantreiberei